Ausgewählte Zitate namhafter Autoren zu erkannten Problemen Themen: |
Symptome für soziale Dekadenz |
Dem bösen Ende näher |
Abschied von Illusionen | |
Existenzielle Einsicht |
Lernen aus Fehlern |
Problemlösungen finden |
Einsteins Kredo |
Mit seinem 1998 erschienen Buch »Die Einheit des Wissens« betonte der amerikanische Biologe Edward O. Wilson: "Es ist an der Zeit, dass wir uns mit allen uns zur Verfügung stehenden intellektuellen Werkzeugen als gleichzeitig biologische und kulturelle Spezies erkennen." Gesucht wird universales, ganzheitliches Wissen, das korrekte Voraussicht und weise Entscheidungen ermöglicht, - angesichts existenzieller Probleme, die Wilson mit folgender zusammenfassenden Lagebeschreibung andeutete (siehe
4. Abschnitt):
"Die Weltbevölkerung ist bedenklich angewachsen und wird ihren erwarteten Höhepunkt um das Jahr 2050 erreichen. Ihre Pro-Kopf-Produktion, Gesundheit und Langlebigkeit sind zwar allgemein gestiegen, doch nur, weil die Menschheit das Grundkapital unseres Planeten vertilgt, wozu nicht nur die Bodenschätze gehören, sondern auch die jahrmillionenalte biologische Vielfalt. Bereits heute hat der Homo sapiens die Grenzen seiner Nahrungs- und Wasservorräte fast erreicht.
Im Gegensatz zu allen anderen Spezies, die es jemals auf dieser Erde gab, verändert er die Atmosphäre und das Klima der Welt, verringert und verschmutzt ihre Wassergebiete, rottet ihre Wälder aus und vergrößert ihre Wüstenflächen. Ein Großteil dieses Raubbaus ist allein einer Handvoll Industriestaaten zu verdanken, deren bewährte Wohlstandsformeln bereitwillig vom Rest der Welt übernommen wurden. Dieser Wetteifer kann nicht beibehalten werden, jedenfalls nicht mit demselben Grad an Zerstörung und Abfallproduktion.
Selbst wenn die Industrialisierung der Dritten Welt einige Erfolge erzielen sollte, werden es die Nachbeben der Umweltzerstörung sein, die zu einer Dämpfung der bisherigen Bevölkerungsexplosion führen."
Der Anstieg der Weltbevölkerung von 0,5 Milliarden Menschen im Jahr 1600 auf 2 Milliarden im Jahr 1940 vergrößerte sich rasant auf über 6 Milliarden im Jahr 2007. -
Der Uno-Bevölkerungsfonds UNFPA prognostizierte in seinem Weltbevölkerungsbericht 2007, dass sich das Wachstum der Städte weltweit beschleunigt, besonders in Asien und Afrika. Im Jahr 2008 lebten erstmals die Hälfte aller Menschen (ca. 3,3 Mrd.) in urbanen Zentren, deren elende Slums weiter wachsen (für über 1 Mrd. Menschen) und immer mehr zu Brutstätten des Verbrechens werden. Bis zum Jahr 2030 könnte die steigende Zahl aller Städter sogar auf 5 Milliarden Menschen anwachsen.
Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich infoge der Globalisierung noch weiter vergrößert. Negative Fakten sind hohe Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und Marktsättigung durch rasche Produktivitätssteigerung der Industrien. Eine von den USA ausgehende Finanzkrise (seit 2008) führte zur Weltwirtschaftskrise. Notwendiges Kapital fehlt, um soziale und ökologische Probleme lösen zu können (bes. bei Klimawechsel).
Folgende sieben Abschnitte enthalten ausgewählte Zitate von weltbekannten Autoren, die frühzeitig (spätestens vor einem Jahrzehnt) absehbare Menscheitsprobleme analytisch beschrieben und Lösungsansätze kommentiert haben. Jeder der thematisierten Abschnitte beginnt mit seiner Quellenangabe und einem kurzen Einleitungstext. Nach einer Trennlinie folgen die vom Herausgeber des Abschnitts zusammengestellten Zitate.
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1. »Symptome für soziale Dekadenz« - Zitate von Konrad Lorenz
- hrsg. von E. Liß - aus: "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" (Piper 1973/2000)
Der Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1903 - 1989) untersuchte als Verhaltensforscher die bedrohlichen Entwicklungstendenzen der technisierten Konsumgesellschaft.
Mit seinem 1973 erschienenen Buch mahnt er vor Gefahren für die Menschheit, besonders durch Überbevölkerung, Lebensraum-Verwüstung, technische Entwicklung, Verweichlichung,
genetischen Verfall, Abreißen der Tradition, Indoktrinierbarkeit und Rüstung mit Kernwaffen. -
Feststellbar sind entwicklungsbedingte Symptome für eine soziale Dekadenz der Wohlstandsgesellschaft, vor allem: frustrierende Hektik oder freudlose Resignation, verwöhnte Ansprüche oder stupides Desinteresse, Verführung oder Abstumpfung durch kommerzielle Reizüberflutung.
Ein zunehmender Leistungsdruck in der globalen Marktwirtschaft macht Verbesserungen in Ausbildung und Lehre erforderlich.
Problematisch dabei ist eine Abnahme der Belastbarkeit von Kindern und Jugendlichen. Vielen "denkfaulen" Menschen fehlt rationales Denken "über sich selbst" (Reflexion) für existenzielle Einsicht und individuelle Selbstkontrolle. - Zu dieser Thematik sind folgende Zitate von Konrad Lorenz in seinem o. g. Buch zu finden (Auswahl vom Herausgeber).
Die allgemeine und rasch um sich greifende Entfremdung von der lebenden Natur trägt einen großen Teil der Schuld an der
ästhetischen und ethischen Verrohung der Zivilisationsmenschen. (s. 28)
Die Selbstbewertung des normalen Menschen fordert mit vollem Recht die Behauptung seiner Individualität. Der Mensch ist nicht,
wie eine Ameise oder eine Termite, von seiner Phylogenese so konstruiert, dass er es erträgt, ein anonymes und durchaus
austauschbares Element unter Millionen völlig gleichartiger zu sein. (S. 30)
Schönheit der Natur und Schönheit der menschengeschaffenen kulturellen Umgebung sind offensichtlich beide nötig, um den Menschen
geistig und seelisch gesund zu erhalten. (S. 30)
Was für die Menschheit als Ganzes, ja selbst, was für den Einzelmenschen gut und nützlich ist, wurde unter dem Druck
zwischenmenschlichen Wettbewerbs bereits völlig vergessen. Als Wert wird von der erdrückenden Mehrzahl der heute lebenden
Menschen nur mehr das empfunden, was in der mitleidslosen Konkurrenz erfolgreich und geeignet ist, den Mitmenschen zu überflügeln.
(S. 33, 34)
Der hastende Mensch ist sicher nicht nur von Gier gelockt, die stärksten Lockungen würden ihn nicht zu so energischer
Selbstbeschädigung veranlassen können, er ist getrieben, und was ihn treibt, kann nur Angst sein.
Ängstliche Hast und hastende Angst tragen dazu bei, den Menschen seiner wesentlichsten Eigenschaften zu berauben.
Eine von ihnen ist die Reflexion. (S. 35)
Ein Wesen, das um die Existenz seines eigenen Selbst noch nicht weiß, kann unmöglich begriffliches Denken, Wortsprache,
Gewissen und verantwortliche Moral entwickeln. Ein Wesen, das aufhört zu reflektieren, ist in Gefahr, all diese
spezifisch menschlichen Eigenschaften und Leistungen zu verlieren. (S. 36)
Durch fortschreitende Beherrschung seiner Umwelt hat der moderne Mensch ganz zwangsläufig die "Marktlage" seiner
Lust-Unlust-Ökonomie in der Richtung einer ständig zunehmenden Sensitivierung gegenüber allen Unlust auslösenden Reizsituationen
und einer ebensolchen Abstumpfung gegen alle Lust auslösenden verschoben. (S. 45)
Die alte Weisheit aus Goethes Schatzgräber "Saure Wochen, frohe Feste" droht in Vergessenheit zu geraten. Vor allem ist es die Freude,
die durch wehleidige Unlustvermeidung unerreichbar gemacht wird. (S. 46)
Dem Leide aus dem Wege gehen zu wollen heißt, sich einem wesentlichen Teil des menschlichen Lebens zu entziehen. (S. 47)
Alles kulturelle Zusammenleben hat zur Voraussetzung, dass der Mensch seine Triebe zu zügeln lernt, alle Predigten der Askese haben eben diesen Wahrheitsgehalt.
Aber die Herrschaft, die Vernunft und Verantwortlichkeit ausüben, ist nicht von unbegrenzter Stärke. Sie reicht beim Gesunden eben aus, um seine Einordnung in
die Kultursozietät leisten zu können. …
Das Ausmaß an Kompensation, das der Mensch durch Training seiner Herrschaft über seine Triebe bewirken kann, scheint leider
sehr gering zu sein.(S. 55)
Unsere gefühlsmäßige Hochwertung des Guten und Anständigen ist mit erdrückender Wahrscheinlichkeit der einzige Faktor, der heute noch gegen Ausfallerscheinungen
sozialen Verhaltens eine einigermaßen wirksame Selektion treibt. (S. 65)
Der Irrglaube, dass nur das rational Erfassbare oder gar nur das wissenschaftlich Nachweisbare zum festen Wissensbesitz der Menschheit gehöre, wirkt sich
verderblich aus. Er führt die "wissenschaftlich aufgeklärte" Jugend dazu, den ungeheueren Schatz von Wissen und Weisheit über Bord zu werfen, der in den
Traditionen jeder alten Kultur wie in den Lehren der großen Weltreligionen enthalten ist. (S. 70)
Haß macht nicht nur blind und taub, er macht auch unglaublich dumm. (S. 82)
Wir mögen uns noch so eifrig vor Augen halten, dass all unser Wissen, alles, was unsere Wahrnehmung uns von der außersubjektiven Wirklichkeit mitteilt, nur grob
vereinfachendes, annäherungsweises Bild des an sich Bestehenden darstellt, wir können doch nicht verhindern, dass wir gewisse Dinge einfach für wahr halten und
von der absoluten Richtigkeit dieses Wissens überzeugt sind. (S. 86)
Da alle biologischen Gesetzlichkeiten sich aus der Funktion von Strukturen ergeben, ist es ein vergebliches Bemühen, ohne deskriptive Erforschung der Strukturen
der Lebewesen zur Abstraktion der Gesetzlichkeiten zu gelangen, von denen ihr Verhalten beherrscht wird. (S. 102)
Die Erscheinungen eines unverantwortlichen und infantilistischen Strebens nach sofortiger Befriedigung primitiver Wünsche und einer entsprechenden Unfähigkeit,
sich für etwas verantwortlich zu fühlen, was in der fernen Zukunft liegt, hängt ganz sicher damit zusammen, dass unterbewusst allen Entscheidungen die bange Frage
zugrunde liegt, wie lange die Welt noch steht. (S. 106)
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2. »Dem bösen Ende näher« – Zitate von Hans Jonas
- hrsg. von E. Liß - aus: SPIEGEL-Gespräch über 'Menschheit und Natur' vom 11. Mai 1992 Quelle: DER SPIEGEL 20/1992, Seiten 92 bis 107
Der Technik-Philosoph Hans Jonas (1903 - 1993) wurde weltbekannt durch sein Buch "Das Prinzip Verantwortung", das 1979 erschien. Er wendete sich energisch gegen die ungebremste Ausbeutung und Verwüstung der Erde und plädierte für eine Ethik der Bescheidenheit. Seine Auffassung, dass der Mensch haftbar ist für das, was er tut, vertrat er auch in seiner Dankesrede "Technik, Freiheit und Pflicht" anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 1987 in Frankfurt am Main.
Er setzt seine Hoffnung auf die menschliche Vernunft, besonders auf das Erkennen von negativen Auswirkungen des technischen Fortschritts und demzufolge auf eine verantwortliche Lenkung und Beschränkung der Macht über unsere Welt. - Künftig notwendige Maßnahmen zur Abwehr oder Eindämmung von Katastrophen erfordern die rechtzeitige Aufklärung und Instruktion der betroffenen Menschen hinsichtlich einer Verhinderung von apokalyptischer Panik oder destruktivem Fatalismus (vgl. Hans Jonas, Dem bösen Ende näher, Gespräche über das Verhältnis des Menschen zur Natur, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1993).
JONAS: „Die Menschen können sich nicht freimachen von den Sachzwängen, in die sie sich mit dem technologischen Anschlag auf die Natur begeben haben. Der Raubbau an der Natur ist übergegangen in die Lebensgewohnheiten der Menschen, besonders die der westlichen Industriegesellschaft.“ ...
„Sind wir jetzt nicht aufgerufen zu einer ganz neuen Art von Pflicht, zu etwas, das es früher eigentlich nicht gab, – Verantwortung zu übernehmen für künftige Generationen und den Zustand der Natur auf der Erde?“ (S. 98) ...
„Ich habe eine gewisse paradoxe Hoffnung auf die Erziehung durch Katastrophen. Solche Unglücke werden eventuell rechtzeitig noch eine heilsame Wirkung haben.“ (S. 99) ...
„So, wie man ganz bestimmt nicht darauf rechnen darf, dass der Mensch Vernunft annehmen wird, so darf man doch nicht ganz daran zweifeln, dass der Genius der Menschheit auch in der Richtung erfinderisch wird, in der eine mögliche Rettung der Zukunft liegt. Dies offen zu lassen ist wichtig, damit wir nicht davon ablassen, einer solchen Chance, wenn es sie gibt, mit allen Kräften der Warnung und Mahnung zu Hilfe zu kommen.“ (S. 99) ...
„Eine unbegrenzte Freiheit des Individuums zerstört sich dadurch, dass sie mit den Freiheiten der vielen Individuen nicht vereinbar ist.“ (S. 101) ... - Hans Jonas hält unvermeidliche Freiheitsverzichte der Individuen „für selbstverständlich“. ...
„Ich habe keine Antwort auf die Frage, wie die sich jetzt abzeichnende und unzweifelhafte Gefährdung der menschlichen Zukunft im Verhältnis zur irdischen Umwelt abgewendet werden kann. Ich weiß nur eines: Man darf die Frage nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie immer neu zu stellen; immer neu zu überdenken; immer neu auch daran mitzuarbeiten, dass sich ein schlechtes Gewissen in den ungeheuerlichen Hedonismus der modernen Genusskultur hineinfrisst – die ist eine unabweisbare Pflicht.“(S. 101) ...
„Der Mensch ist ein vorausschauendes Wesen. Der Mensch hat außer der Fähigkeit, der Natur alles auf die rücksichtsloseste Weise abzutrotzen, auch noch die Fähigkeit, seine Verantwortung dabei zu überdenken. Er muss und kann den Wert dessen empfinden, was er im Begriffe ist zu zerstören.“ (S. 101) ...
„Man darf den Notleidenden und Hungernden dieser Erde nicht mit irgendwelchen Ansinnen kommen, sie sollten verzichten. Ausgenommen die Fortpflanzung, da kann man Beschränkung verlangen.“ (S. 103) ...
SPIEGEL: „Wir wollen darauf hinweisen, dass eine Abkehr von der Wachstumswirtschaft selbst dann riesige Probleme aufwürfe, wenn eine solche Wende mehrheitlich gewollt wäre. Weder die Demokratie noch die Marktwirtschaft bilden einen Rahmen für ihre Verantwortungsethik.“
JONAS: „Aber kann man nicht etwas darauf setzen, dass die Menschen eine Zukunft wollen? Darauf, dass sie den Sinn des Daseins nicht nur im Verzehr sehen? Ist ein metaphysisches Bedürfnis der Menschen nicht auch mit einzukalkulieren in die weitere Geschichte der Spezies Homo sapiens? Es hat Religionen von Anfang an gegeben, sie standen meistens im Dienste sehr irdischer Bedürfnisse, Ängste und Wünsche. Aber es hat auch ein Trachten darüber hinaus gegeben, dass es noch um etwas anderes geht als um die maximale Befriedigung der Bäuche und der körperlichen Triebe. Der Stolz; die Scham; der Ehrgeiz, anerkannt zu werden – all das geht doch hinaus über das einfache Genießenwollen.
Jenseits davon erscheint ein Bedürfnis, das eigene menschliche Dasein zu erhöhen und zu rechtfertigen durch etwas, was eben nur der Mensch kann. Es gibt den Begriff des Verzeihens, den Begriff des Helfens, den Begriff vor allem aber auch der Erweiterung der menschlichen Erfahrung.“ (S. 103) ...
„Wenn die Vorräte der Erde - Wasser, Rohstoffe, Luft – zur Neige gehen, dann könnten doch die Stärksten die Dezimierung der menschlichen Bedürfnisse und der Menschenziffern mit Gewalt erzwingen. Dieses grausame Grundgesetz der Evolution, dass die Stärksten überleben, darf nicht zum Gesetz des Überlebens der Menschheit werden.“ (S. 107) ...
„Es geht um eine Erziehung des Menschen zu Lebenseinstellungen, die weniger gierig und gefräßig sind, dafür aber vielleicht anspruchsvoller in anderer Hinsicht. Man darf nicht fragen: Wird denn das helfen? Kann sich das durchsetzen gegenüber dem Vulgären, den Massenwünschen, den Gewohnheiten? “...
„Man darf nicht erst die Aussichten bewerten und daraufhin beschließen, ob man was tun soll oder nicht. Sondern umgekehrt, man muss die Pflicht und die Verantwortung erkennen und so handeln, als ob eine Chance da wäre, sogar wenn man selber sehr daran zweifelt.“ (S. 107)
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3. »Abschied von Illusionen« - Zitate von Franz M. Wuketits
- hrsg. von E. Liß - aus: 'Naturkatastrophe Mensch', Evolution ohne Fortschritt, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, März 2001
Der sich "gottähnlich" glaubende Mensch kämpft wie jedes Tier um seinen Selbsterhalt in einer nur teilweise erkennbaren Umwelt. Darüber hinaus erstrebt er die vorteilhafte Befriedigung seiner subjektiven Bedürfnisse. Durch sein aggressives Handeln kann er nicht nur sich selbst sondern auch seine Welt zerstören; er hat die Natur schon so weit geschädigt, dass seine weitere Existenz durch Katastrophen bedroht ist. - Dieses evolutionäre Dilemma des Homo sapiens ist aber Teil der kosmischen und natürlichen Lebensvorgänge und somit "weltimmanent". Ob die Fähigkeit des Menschen zum rationalen Denken und intelligenten Entscheiden ihm künftig ermöglicht, dass er verantwortliches Handeln für die Allgemeinheit aufbringt, ist fraglich.
Der sog. freie Wille ist begrenzt im Rahmen der Handlungsfreiheit des Individuums. Bestimmend beim Urteilen und Entscheiden sind jeweils aktuelle Situationsbedingungen und subjektive Bewertungen als unbewusste Einflüsse (Antrieb, Motivation und Emotion).
Ein größeres Interesse der Menschen für fundamentale Zusammenhänge von Natur und Gesellschaft muss geweckt werden. Nötig ist eine Verbesserung des allgemeinen Verständnisses für naturwissenschaftliche Erkenntnisse hinsichtlich nützlicher Einsichten in verbleibende Handlungsspielräume der Menschheit.
Neue Gefahren drohen von "rettenden" Ideologien mit aggressivem Potenzial. Abzulehnen sind alte und neue "verführerische" Illusionen, auch wenn sie als wissenschaftlich oder metaphysisch begründet erscheinen. -
Zu dieser Thematik sind folgende Zitate von Franz M. Wuketits (geb. 1955) in seinem o. g. streitbaren Buch zu finden (Auswahl vom Herausgeber).
Unter Illusionen versteht man in der Psychologie im Allgemeinen Veränderungen eines gegebenen Sachverhaltes durch die subjektive Wahrnehmung. Jeder Mensch ist anfällig für Illusionen, und die Bedeutung, die wir einem gegebenen, "objektiven" Sachverhalt beiräumen, unterliegt stets der Bewertung durch das wahrnehmende Subjekt. Insoweit wird es nie ein Ende von Illusionen geben, solange Menschen Menschen sind und nicht Roboter. Aber es gibt kollektive Illusionen, die über mehr oder weniger lange Zeiträume nicht nur das Individuum, sondern eine ganze Kultur prägen - und in die Irre führen. Sie sollte man erkennen und verabschieden. Zu ihnen gehört die Idee des Fortschritts in der Evolution im Sinne einer gesetzmäßigen Entwicklung zum Besseren. (S. 252)
Paradiesische Zustände, wie sie der Mensch seit alters erträumt, haben in der Natur nie geherrscht, sie sind und bleiben ein Wunschtraum, eine Illusion jenes Lebewesens, welches in der Lage ist, über die Grundlagen seiner eigenen Existenz und die ihn umgebenden Lebewesen und ihre Geschichte nachzudenken. (S. 191)
Die heutigen Lebewesen sind keineswegs Endprodukte, und sie waren auch nicht von Anfang an angelegt. Ein durchgehender Plan der Evolution ist bloßes Wunschdenken, welches lediglich dem oft geträumten Traum vom Menschen als dem notwendigen Gipfelpunkt aller Entwicklung entgegenkommt, zwar psychologisch verständlich ist, mit dem tatsächlichen Verlauf der Evolution jedoch wenig zu tun hat. (S. 182)
Gewiss kann kein Zweifel daran bestehen, dass die rasche Entwicklung der Technik in der Neuzeit - insbesondere im 20. Jahrhundert - das Leben vieler Menschen verändert hat. Die Befürworter dieser Entwicklung meinen, dass der Mensch mit seiner Technik sich in die Lage versetzt habe, sich selbst zu helfen, sein Dasein zu erleichtern, und das auf eine Art, die keinem anderen Lebewesen je gegönnt war. (S. 150)
Wissenschaftliche Erklärungen und Prognosen sowie die darauf beruhenden technischen Konstruktionen funktionieren, weil die Welt eine bestimmte Struktur hat und auf die Naturgesetze Verlass ist. Diese Struktur und Gesetze begriffen zu haben, ist aber umgekehrt eine hervorragende Leistung der (Natur-)Wissenschaft, die daher in unserer Kulturgeschichte keine Parallele besitzt. (S. 153)
Die Hoffnung, eins zu sein mit einem zweckvoll organisierten Universum, beginnt bei manchen Menschen die Fesseln unserer Konsumgesellschaft zu sprengen. Das ist nicht nur verständlich, sondern in gewisser Hinsicht sogar erfreulich, doch lauern hier wieder neue Gefahren. (S. 42)
Es fällt vielen Menschen offensichtlich schwer, ihr Leben "für sich" als sinnvoll zu betrachten, ohne es mit einem übergeordneten Zweck in Verbindung bringen zu müssen; es fällt ihnen schwer zu erkennen, dass es keinen endgültigen Sinn des Lebens gibt, und gleichzeitig daran zu glauben, dass man ein sinnvolles Leben führen kann. Wäre das so einfach, dann hätten sich kaum Religionen (in ihren traditionellen Formen) entwickelt und kaum ein Guru hätte eine Chance, Gehör zu finden. (S. 43)
In unserem Leben sind wir gewohnt, bestimmte Zwecke zu verfolgen und Absichten zu haben, so dass wir uns schwer vorstellen können, dass es in der Natur, im Kosmos keine Zwecke und Absichten gibt. Dieser Anthropomorphismus ist allerdings dazu angetan, uns nicht nur über die Natur, sondern auch über uns selbst zu täuschen. Denn unser Handeln wird keineswegs nach streng rationalen Prinzipien vollzogen, sondern wir folgen vielfach unbewussten Motiven, und viele unserer Handlungsweisen sind schon entschieden, bevor wir rational darüber nachdenken, was zu tun wäre. Dieser Umstand - oder besser: seine Verkennung - hat schon viel Unheil angerichtet. Politiker und "Staatsmänner" haben es immer wieder geschafft, "ihren" Völkern einzubläuen, dass sie eine bestimmte Rolle in dieser Welt wahrzunehmen haben, die Geschichte mitbestimmen müssen und dergleichen mehr. Die Resultate waren (und sind) Revolutionen und Kriege, ein endloses Blutvergießen, ungezählte Menschenopfer. (S. 44)
In unsere kognitiven Fähigkeiten haben wir große Hoffnungen gesetzt. Wir sind stolz darauf, dass wir erkennende Wesen sind, zu Einsichten fähig, die auch unsere Irrtümer als solche enthüllen. Warum aber tun wir uns so schwer, einzusehen, dass der Glaube an den Fortschritt ein Irrtum war, eine Illusion, die zwar das Leben mancher Menschen erleichtert hat, insgesamt aber auch den kollektiven Wahnsinn zu einem Höhepunkt treibt? (S. 253)
Was uns also bleibt, ist der Augenblick, das Hier und Jetzt, die Möglichkeit, Dinge zu erleben, uns an ihnen zu erfreuen - solange sie noch nicht zerstört sind. Und vielleicht die Freude, einige dieser Dinge zu bewahren, hier und jetzt, ohne daran zu denken, dass sie mit uns eines Tages verschwinden werden. (S. 255)
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4. »Existenzielle Einsicht« - Zitate von Edward O. Wilson
hrsg. v. E. Liß - aus: 'Die Einheit des Wissens', Kapitel 12, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2000
Der international renommierte Evolutions- und Ameisenforscher E. O. Wilson (geb. 1929) gilt als Begründer der Soziobiologie und vertritt den Standpunkt, dass der Graben zwischen Geistes- und Naturwissenschaften keineswegs unüberwindbar ist. Für ihn ist die gesuchte Einheit des Wissens keine Utopie. Sein Fazit: Alle Phänomene dieser Welt lassen sich letztlich auf eine überschaubare Zahl von fundamentalen Prinzipien zurückführen.
In diesem Punkt sind sich Biologen und Umweltschützer hundertprozentig einig:
Die einzige Möglichkeit, mit unserem heutigen Wissen die Schöpfung zu retten, ist, sie in ihren natürlichen Ökosystemen zu erhalten. Bedenkt man, wie rasend schnell diese Lebensräume schwinden, wirkt bereits diese Aufgabe entmutigend. Aber irgendwie muss die Menschheit eine Möglichkeit finden, sich durch den ökologischen Engpass durchzumanövrieren, ohne dabei die Umwelt zu zerstören, von der alles Leben abhängt. (S. 396)
Das Vermächtnis der Aufklärung ist die Überzeugung, dass wir aus eigenen Kräften Wissen erwerben und, wenn wir wissen, Verständnis entwickeln und, wenn wir verstehen, kluge Entscheidungen treffen können. Diese Selbstgewissheit wuchs mit der exponentiellen Zunahme von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die nun zu einem Erklärungsnetz aus Ursache und Wirkung verwoben werden. Im Zuge dieses Unternehmens haben wir eine Menge über unsere eigene Spezies gelernt. Wir verstehen heute besser, woher die Menschheit kommt und was sie ist. Der Homo sapiens hat sich wie das gesamte übrige Leben selbst zusammengesetzt. Hier stehen wir nun, und niemand hat uns hierher geführt, niemand blickt uns über die Schulter, und unsere Zukunft hängt allein von uns ab. Doch nachdem wir uns der Autonomie des Menschen nun bewusst geworden sind, sollten wir uns auch eher in der Lage fühlen, darüber nachzudenken, wohin wir gehen wollen.
Da reicht es nicht, wenn wir uns auf die Aussage zurückziehen, dass sich Geschichte anhand viel zu komplexer Prozesse entwickelt, als dass sie reduktionistisch analysiert werden könnte. … (S. 396)
Aber wir wissen genug, um politisch-wirtschaftliche Optionen herauszufiltern, die uns aller Wahrscheinlichkeit nach ruinieren würden. Und wir haben bereits begonnen, die Grundlagen der menschlichen Natur zu erforschen und zu ergründen, welche zwingenden Bedürfnisse dem Menschen angeboren sind und weshalb er ihnen folgen muss. Wir betreten die Ära eines neuen Existenzialismus, nicht jenes alten, von Kierkegaard und Sartre propagierten absurden Existenzialismus, der dem Individuum vollständige Autonomie zuschreibt, sondern eines, der das Konzept vertritt, dass eine korrekte Voraussicht und weise Entscheidungen nur durch universales, ganzheitliches Wissen möglich sind.
Im Zuge dieser Erkenntnisse werden wir uns bewusst werden, dass Ethik das fundamentalste aller Prinzipien ist. Im Gegensatz zum Geselligkeitstrieb von Tieren basiert die soziale Existenz des Menschen auf dem genetischen Hang, langfristige Verträge einzugehen, die mittels Kultur in moralische Werte und Gesetze übersetzt werden. …
Wir sind keine umherirrenden Kinder, die immer mal wieder sündigen und ein Gebot übertreten, das uns von höherer Stelle gegeben wäre. Wir sind Erwachsene, die selber herausgefunden haben, welche Verträge für unser Überleben nötig sind, und die selber die Notwendigkeit eingesehen haben, dass die Einhaltung solcher Veträge mit heiligen Eiden beschworen werden muss.
Die Suche nach der Einheit allen Wissens mag auf den ersten Blick so aussehen, als sollte jede individuelle Kreativität unterbunden werden. Das Gegenteil ist der Fall. Ein vereintes Wissenssystem ist das sicherste Mittel, will man die noch unerforschten Gebiete der Realität identifizieren. Es zeichnet die genaueste Landkarte der Gebiete, die wir bereits kennen, und liefert der künftigen Forschung den besten Rahmen für produktive Fragen. (S. 397)
Je mehr wir uns von Ersatzmechanismen zum Erhalt unseres Lebens und unserer Biosphäre abhängig machen, um so fragiler werden wir uns und unsere Umwelt gestalten. Je mehr Leben wir von dieser Erde verbannen, um so ärmer wird unsere Spezies fürderhin sein. Und sofern wir uns entscheiden, unsere genetische Natur der Rationalität von Maschinen zu unterwerfen, sofern wir es uns zur Gewohnheit machen, unsere Ethik, unsere Kunst und die Frage nach dem eigentlichen Sinn unseres Menschseins fahrlässig irgendwelchen Diskursen im Namen des Fortschritts zu überlassen, sofern wir uns für Götter halten und uns von unserem archaischen Erbe lossprechen, werden wir uns endgültig zum Homo proteus wandeln und alles so lange umgestalten, bis nichts mehr übrig ist und wir selbst zum Nichts geworden sind. (S. 398)
Siehe auch:
»Ursprung von Ethik und Religion« - Weltanschauung des Menschen
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5. »Lernen aus Fehlern« - Zitate von Karl R. Popper
- hrsg. von E. Liß - aus: 'Das Leben ist Problemlösen', Vortrag in Bad Homburg, 1991
Karl Raimund Popper (1902 - 1994) gilt als einflussreichster Philosoph des 20. Jahrhunderts. Er begründete einen 'Kritischen Rationalismus' und verwies auf den hypothetischen Charakter allen Wissens, das er inhaltlich als 'genetisch a priori' postulierte, - im Sinne von (oft unbewussten) potenziellen Erwartungen als allgemeinen Anpassungen von fortbestehendem Leben an zukünftige Bedingungen der Umwelt (Gesetzmäßigkeiten). Poppers Auffassung der Evolutionären Erkenntnistheorie favorisiert die Lernmethode "Versuch und Irrtum", d. h. aktives Probieren oder mentales Vermuten. Damit ermöglicht wird empirisches Lernen aus Fehlern, d. h. eine verhaltensändernde Korrektur von Irrtümern gemäß eigenen Erfahrungen in Konflikt mit der individuell wahrnehmbaren, 'objektiv-realen' Außenwelt.
"Die Fehlerkorrektur ist die wichtigste Methode der Technologie und des Lernens überhaupt. In der biologischen Evolution scheint sie die einzige Methode des Fortschritts zu sein. Man spricht mit Recht von der Methode, von Versuch und Irrtum, aber man unterschätzt dabei die Wichtigkeit des Irrtums oder Fehlers - des fehlerhaften Versuches." ...
"Das Leben, das heißt die Organismen, machen die erstaunlichsten Erfindungen, von den Einzellern angefangen. Die neuen Erfindungen, die Mutationen, sind wohl öfter schlechte, irrtümliche Versuche als gute Versuche und werden ausgeschieden. Wir können viele unserer Ideen als verfehlt erkennen, bevor wir sie auch nur ernsthaft kritisieren, und andere werden durch die Kritik ausgeschieden, bevor sie zum Produktionsprozess kommen. In der bewussten Kritik, in der Selbstkritik und in der freundlichen und feindlichen Kritik durch unsere Kollegen und auch durch Außenstehende scheinen wir der Natur vielleicht etwas überlegen zu sein. In der Methode des Versuchs und Irrtums, im kritisch auswählenden Experiment war bisher die Natur uns weit überlegen. Und viele ihrer Erfindungen, zum Beispiel die Umwandlung von Sonnenenergie in chemische Energie, und zwar in eine Form, die leicht gespeichert werden kann, haben wir uns bisher vergeblich bemüht, nachzumachen. Aber es wird uns wohl in absehbarer Zeit gelingen.
Alles Leben ist Problemlösen. Alle Organismen sind Erfinder und Techniker, gute oder weniger gute, erfolgreich oder weniger erfolgreich im Lösen von technischen Problemen. So ist es bei den Tieren, zum Beispiel den Spinnen. Die menschliche Technik löst menschliche Probleme, etwa Kanalisierung, Wasser- oder Nahrungsmittelbeschaffung und Speicherung, wie es zum Beispiel schon die Bienen tun.
Deshalb ist die Gegnerschaft gegen die Technik, wie wir sie häufig bei den Grünen finden, Unsinn, denn sie ist ja Gegnerschaft gegen das Leben - was leider die Grünen nicht bemerkt haben. Aber Kritik der Technik ist natürlich nicht Unsinn, sondern dringend notwendig. Dazu ist in unterschiedlicher Weise jedermann befähigt und willkommen. Und da die Kritik zur Berufskompetenz des Technikers gehört, so ist sie etwas, womit besonders die Techniker selbst dauernd beschäftigt sind." …
"Es ist vollkommen richtig, dass gewisse Probleme, zum Beispiel Probleme der Luftverschmutzung, eine spezielle Gesetzgebung verlangen können. Es gibt ideologische Anbeter des sogenannten "freien Marktes", dem wir natürlich sehr viel verdanken, die glauben, dass solche Gesetzgebungen, die die Freiheit des freien Marktes beschränken, gefährliche Schritte auf dem Weg in die Knechtschaft sind." ...
"Wir müssen also das ideologische Prinzip des freien Marktes auf jeden Fall durch ein anderes ersetzen: durch das Prinzip, die Freiheit nur dort zu beschränken, wo es aus dringenden Gründen notwendig ist. Und das heißt, dass die Ansichten in vielen Fällen nicht übereinstimmen werden, wo die Grenze des Notwendigen zu ziehen ist.
Das ist eine Situation, die überall auftritt, wo immer Freiheit eine Rolle spielt. Sie ist daher keineswegs etwas, was erst mit Umweltproblemen oder Großindustrieproblemen auftritt oder für sie besonders charakteristisch ist.
In der Tat, alle unsere Handlungen haben unbeabsichtigte Konsequenzen. Manche von diesen gehören zu denen, die vielleicht vorhersehbar waren, falls man mehr Mühe oder Kosten darauf verwendet hätte, die Folgen vorherzusehen. Andere aber sind unvorhersehbar."
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6. »Problemlösungen finden« - Zitate von John D. Barrow
- hrsg. von E. Liß - aus: 'Die Entdeckung des Unmöglichen', Forschung an den Grenzen des Wissens,
Kapitel 4, Spektrum Akademischer Verlag GmbH, Heidelberg, Berlin, 1999
Der britische Astrophysiker John D. Barrow untersucht im o. g. Buch die Grenzen des wissenschaftlichen Fortschritts. Im Kapitel 4: 'Mensch sein' stellt er die Frage "Führt Wissenschaft stets ihren eigenen Untergang herbei?" Er äußert sich zur Problematik von gefährlichen Entwicklungstendenzen (vgl. folgende ausgewählte Zitate, ab S. 169).
Wissen birgt Gefahren. Es kann sinnvoll genutzt oder missbraucht werden. Es kann zufällig oder absichtlich in die Katastrophe führen. Je mehr die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die technischen Fertigkeiten zunahmen, um so deutlicher wurden wir uns der Gefahren bewusst. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreichte die Entwicklung der Menschheit einen kritischen Punkt. Zum erstenmal verfügte sie über die Möglichkeit, eine globale Katastrophe solchen Ausmaßes auszulösen, dass sie sich dadurch selbst auslöschen könnte. …
Heute bedrohen uns neue Krankheiten, gegen die wir keine natürliche Widerstandskraft besitzen; unverantwortliche Industrialisierungspolitik hat vielleicht bereits unumkehrbare klimatische Veränderungen in Gang gesetzt, durch die unser Planet zu einem weniger angenehmen, ja letzlich unbewohnbaren Ort werden könnte. Die natürlichen Nahrungsquellen und Rohmaterialien werden immer knapper. Es ist nicht schwer, sich eine Zukunft ohne Zukunft vorzustellen. Technischer Fortschritt und Deregulierungstendenzen in der Politik führen dazu, dass immer mehr, kaum kontrollierbare Kräfte die Verfügungsgewalt über potentiell gefährliche Geräte und Prozesse erlangen. Die totale Abhängigkeit vom Computer bei der Speicherung und Anwendung lebenswichtiger Informationen erhöht immer mehr das Risiko, dass Diebstahl, Manipulation und Korruptionn die ganze Ordnung in Gefahr bringen. Je komplizierter diese Systeme werden, um so anfäliger werden sie auch. … (S. 170)
Unser instinktiver Fortschritts- und Entdeckungsdrang wird uns davon abhalten, auf dem bisherigen Weg umzukehren. Wegen unserer demokratischen Einstellung werden wir darauf verzichten, Organisationen Vorschriften zu machen. Da uns kurzfristige Vorteile wichtiger sind als sehr langfristige Planungen, werden wir Katastrophen nicht rechtzeitig vorbeugen, die sich langsam und stufenweise vorbereiten und innerhalb eines Menschenlebens nur unmerklich näher rücken.
Soll die Katastrophe uns nicht verschlingen, müssen wir mit den dargestellten Problemen fertig werden und auch noch mit vielen anderen, die erst später in unser Blickfeld kommen werden. Selbst, wenn wir dafür genügend Erfindungsreichtum und kollektives Verantwortungsbewusstsein aufbringen, wird die Lösung der Probleme unsere Ressourcen und auch das Denkvermögen der Wissenschaftler so in Anspruch nehmen, dass sich unsere Kultur dadurch spürbar verändern wird. Erkenntnis um ihrer selbst willen könnte zunehmend als Verschwendung menschlicher Ressourcen erscheinen. So wie man früher in Kriegszeiten führende Wissenschaftler zusammenzog und von ihnen die Entwicklung neuer Angriffs- und Verteidigungstechniken verlangte, so könnte das eigene Gewissen oder der Zwang der Umstände Wissenschaftler in Zukunft dazu bringen, sich umzuorientieren und der Lösung lebensbedrohender globaler Probleme zu widmen. (S. 171)
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7. »Einsteins Kredo für Toleranz « - Zitate von Albert Einstein
aus Anthologie »
'Albert Einsteins Weisheiten und Ansichten', hrsg. im LISS-KOMPENDIUM von E. Liß
Albert Einstein besprach eine Schallplatte mit dem Titel 'Mein Glaubensbekenntnis' für die Deutsche Liga für Menschenrechte in Berlin im Jahr 1932. Folgende drei Zitate daraus zeigen seine pazifistische und demokratische Haltung:
"Seltsam erscheint unsere Lage auf dieser Erde. Jeder von uns erscheint da unfreiwillig und ungebeten zu kurzem Aufenthalt, ohne zu wissen warum und wozu. Im täglichen Leben fühlen wir nur, dass der Mensch um anderer willen da ist: solcher, die wir lieben, und zahlreicher anderer ihm schicksalsverbundener Wesen."
"Ich achte stets das Individuum und hege eine unüberwindliche Abneigung gegen Gewalt und gegen Vereinsmeierei. Aus allen diesen Motiven bin ich leidenschaftlicher Pazifist und Antimilitarist, lehne jeden Nationalismus ab, auch wenn er sich nur als Patriotismus gebärdet."
"Aus Stellung und Besitz entspringende Vorrechte sind mir immer ungerecht und verderblich erschienen, ebenso ein übertriebener Personenkultus. Ich bekenne mich zum Ideal der Demokratie, trotzdem mir die Nachteile demokratischer Staatsform wohlbekannt sind. Sozialer Ausgleich und wirtschaftlicher Schutz des Individuums erschienen mir stets als wichtige Ziele der staatlichen Gemeinschaft."
"Wir müssen unsere Kinder gegen Militarismus impfen, in dem wir sie im Geiste des Pazifismus erziehen." (Warum Krieg?, Interview, 1931)
"Die Menschen müssen weiterhin kämpfen, aber nur, wofür zu kämpfen lohnt: und das sind nicht imaginäre Grenzen, Rassenvorurteile oder Bereicherungsgelüste, die sich die Fahne des Patriotismus umhängen. Unsere Waffen seien Waffen des Geistes, nicht Panzer und Geschosse." (Warum Krieg?, Interview, 1931)
"Der Weg zur internationalen Sicherheit führt über den bedingungslosen Verzicht der Staaten auf einen Teil ihrer Handlungsfreiheit beziehungsweise Souveränität, und es dürfte unbezweifelbar sein, dass es einen anderen Weg zu dieser Sicherheit nicht gibt." (Warum Krieg?, 1932)
[Hohes Ziel:] "Freie und selbstverantwortliche Entfaltung des Individuums, damit es seine Kräfte froh und freiwillig in den Dienst der Gemeinschaft aller Menschen stelle. Da ist kein Platz für Vergottung einer Nation, einer Klasse oder gar eines Individuums." (AEA - Einsteinarchiv Jerusalem, www.alberteinstein.info, 28-493, S. 3, 1939)
"Je weiter die geistige Entwicklung des Menschen vorschreitet, in desto höherem Grade scheint mir zuzutreffen, dass der Weg zu wahrer Religiosität nicht über Daseinsfurcht, Todesfurcht und blinden Glauben sondern über das Streben nach vernünftiger Erkenntnis führt." (AEA, 28-521, S. 2=6, 1941)
"Ich bin nicht der Meinung, dass man im Kampf um eine bessere Welt den Namen Gottes ins Spiel bringen sollte. Das ist, wie mir scheint, mit der Integrität eines modernen, gebildeten Menschen nicht vereinbar. Überdies zeigt die Geschichte, dass jede Partei glaubt oder andere davon zu überzeugen sucht, dass Gott auf ihrer Seite stehe. Dadurch werden rationales Verständnis und Verhalten nur noch erschwert. Unablässige, ehrliche Erziehungsarbeit für eine moralisch fundierte, tolerante Geisteshaltung ist der einzige Weg zu einem glücklicheren Leben." (Einstein on Piece, S. 591, 1953)
"Toleranz ist das menschenfreundliche Verständnis für Eigenschaften, Auffassungen und Handlungen anderer Individuen, die der eigenen Gewohnheit, der eigenen Überzeugung und dem eigenen Geschmack fremd sind." (AEA, 28-281, S. 1, 1934)
"Vollkommenheit der Mittel und Verworrenheit der Ziele scheinen mir unsere Zeit zu charakterisieren. Wenn wir Sicherheit, Wohlergehen und freie Entfaltung der Fähigkeiten aller Menschen ehrlich und leidenschaftlich wünschen, so wird es uns an Mitteln nicht mangeln, uns einem solchen Zustand zu nähern. Wenn auch nur ein kleiner Teil der Menschheit von solchen Zielen erfüllt ist, wird er für die Dauer sich als überlegen erweisen." (AEA, 28-557, S. 3, 1941)
"Es liegt die Idee zugrunde, dass der Mensch zu einem würdigen und harmonischen Dasein nur dann gelangen kann, wenn er sich von dem Streben nach Wunsch-Erfüllungen materieller Art innerhalb der uns von der Natur gesteckten Grenzen zu befreien imstande ist. Es ist das Streben nach Erhöhung des geistigen Niveaus der Gesellschaft." (AEA, 28-1052, 1954)
"Es ist ein glückliches Schicksal, wenn man bis zum letzen Schnaufer durch die Arbeit fasziniert wird. Sonst würde man zu sehr leiden unter der Dummheit und Tollheit der Menschen, wie sie sich hauptsächlich in der Politik äußert." (aus: Brief an Michele Besso, 24. Juli 1949)
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